Kartagener-Syndrom

Die Ursache für die Entstehung eines Schneckenkönigs ist die selbe, die auch dazu führt, daß manche Menschen das Herz und alle anderen einseitig angelegten Organe auf der falschen Seite tragen. Diese Seitenverkehrtheit (auch als Kartagener-Syndrom bekannt) wird verursacht durch eine Bewegungsstörung der Zilien, jener kleinen Flimmerhärchen, die viele Hohlräume des Körpers auskleiden.

Dadurch erfolgt in der Embryonalphase die asymetrische Zuordnung - Herz links, Leber rechts - rein zufällig. Der Kinderarzt Heymut Omran (Uni Freiburg) und sein Team konnten nach dreijähriger Forschungsarbeit die molekularen Ursachen für die Bewegungsarmut der Zilien (beim Menschen) herausfinden (berichtet in Nature-Genetics Februar 2002). Ein genetischer Defekt auf Chromosom 5 in einem DNAH5 genannten Gen bewirkt, daß die Zilien starr bleiben. Normalerweise gewinnen Zilien ihre Flexibilität durch eine ausgeklügelte innere Statik: Neun doppelte Röhrchen, die sich mit Hilfe kleiner molekularer Ärmchen aneinander binden und wieder lösen können, bilden die Grundstruktur der Tubuli. Zur Bewegung kommt es, wenn die Ärmchen ihr Wechselspiel gekonnt aufeinander abstimmen. Wenn die äußeren Hebelärmchen zwischen den Rohrsystemem fehlen, ist das Ineinandergreifen der Tubuli gestört. Eine winzige Ursache mit weitreichender Wirkung. Beim Mensch, beim Tier und sogar bei primitiven Einzellern wie Algen findet man denselben Biomechanismus. Beim Menschen spricht man von PCD (primäre ziliäre Dysfunktion). Die Betroffenen leiden oft an Problemen der Atemwege, die fälschlicherweise als Asthma oder Bronchitis diagnostiziert werden.

Dieses Beispiel macht deutlich, daß die Beschäftigung mit so “unwichtigen” Dingen wie Weinbergschnecken, doch auch für den Menschen bedeutende Aspekte zu Tage fördern kann.